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  Rezension: Nigel Davies - Play 1 e4 e5!

von Fernando Offermann

Nigel Davies: Play 1 e4 e5! - A complete repertoire for Black in the Open Games. Everyman Chess, London 2005, 192 S., broschiert.

Die "1.e4 …e5"-Spieler werden vom Buchmarkt vernachlässigt, dass ist allgemein bekannt. Adepten der Marshall-Variante vielleicht ausgenommen. Erscheint dann doch was, ist es für Spezialisten, die eine spezielle Variante im Schotten spielen möchten oder Spanisch ohne a6 oder irgendwelches Traxler-Zeug von Fernschachspielern.

John Emms gelang im Jahr 2000 einen Glückswurf mit "Play the Open Games as Black". Das Buch ist prima, es machte ein Ende mit dem Mauerblümchendasein der 1…e5-Liebhaber und gab ihnen ein flottes, modernes und ambitioniertes Programm mit auf den Weg. Sollten die anderen doch kommen, mit Italienisch, dem Königsgambit oder Ponziani. Ihr Problem.

Die 1…e5-Leute leben ja in der Situation, dass sie nie zu einem anständigen Spanier kommen, denn die Weißen spielen jeden möglichen Kram, nur nicht 2.Sf3 und 3.Lb5. Es gab allgemeine Theoriemeinungen zu diesem und jenem, aber wenn ein erfahrener Großmeister sagt: Spiele dies und das, und zwar so und so - dann ist das schon was wert. Joe Gallagher hatte das vorgemacht bei seinen schönen Büchern für Schwarze, die auf Sizilianisch- und Königsindisch-Verweigerer stoßen. Autoren wie Gallagher und Emms haben erklärt, weshalb Großmeister unter ihresgleichen lieber Hauptvarianten spielen und was der Nachteil dieser Nebensysteme ist.

Jetzt hat der britische Großmeister Nigel Davies etwas Gutes getan, er hat nämlich ein weiteres Buch für 1…e5-Spieler herausgebracht. Ein komplettes Repertoire bietet der erfahrene GM an, doch er geht sogar einen Schritt weiter als Emms und arbeitet eine spezielle Variante im Spanier aus, und zwar komplett vom Abtausch-System bis zur Hauptvariante.

Das ist natürlich ein wunderbares Angebot, das gab's auch bei Emms nicht. Vergleichbar waren bislang nur Rajetzkis "Meeting 1.e4" (mit Sizilianisch) und Aagaards "Meeting 1.d4" (mit dem Damengambit, Tarrasch-Variante).

"Play 1 e4 e5!" kann sicher Spielern bis Elo 2300 genügen, aber je höher die Höhenluft beim Leser wird, desto eher wird er wissen, dass dann auch eigene Analysen notwendig sind und das Buch mehr als Ideengeber denn als Enzyklopädie taugt. Trotzdem: manche Abspiele sind schon von Anfang an sehr konkret und das Programm muss dann natürlich sitzen. Auch im Buch.

Das Nebensächliche zuerst: Davies federt das Königsgambit elegant mit 2…Lc5 ab, keine schlechte Wahl, praktisch ohnehin, aber prinzipieller ist es natürlich, den eingestellten Bauern mit 2.e5xf4 zu kassieren. Wer da mehr Material braucht, sollte auch noch Emms konsultieren. Die Max-Lange-Jugend von Rotation Pankow umgeht man bei Davies auch, denn er findet bequeme Seitenwege für Schwarz. Im Schotten muss man bei Davies zwei Abspiele kennen, nämlich Lc5 und das Vierspringersystem, denn nach 3.Sc3 gibt er Sf6 4.d4 exd4 an (Capablanca hat auch 4…Lb4 gezogen, was nicht so schlecht ist und das Belgrader Gambit umgeht). Ansonsten werden Analysen zum Zweispringerspiel angeboten und im Vierspringerspiel hat Davies 4…Lb4 parat.

Interessant sind in "Play 1 e4 e5!" drei Dinge:

a) Gegen Ponziani soll 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3.c3 Sf6 gezogen werden. Kein schlechtes System, das vor allem auch sehr einfach zu spielen ist.

- Beispiel 1

b)

Ponziani im Nachzug vs. Anti-Ponziani

Gegen 1. e4 e5 2. Sc3 Sf6 3.g3 empfiehlt der Autor 3…c6!? - das aber führt zu einer Ponziani-Stellung mit vertauschten Farben. Das bedeutet: man spielt als Schwarzer das Ponziani-System und hat Weiß das eine Tempo extra überlassen, was dieser für 3.g3 verschwendet hat. Aber weshalb in aller Welt sollte man Ponziani spielen? Dann wird es wiederum interessant, im Emms nachzuschlagen, was dieser als Anti-Ponziani-Mittel empfohlen hatte. Noch interessanter wird es, wenn man Davies' angegebenes Repertoire gegen seine Empfehlung antreten lässt. Dass Weiß mit 3.g3 ein Tempo mehr hat, sollte keine große Rolle spielen.

- Beispiel 2 und Beispiel 3

Also heißt das: mit Schwarz Ponziani spielen ist in Ordnung, schließlich sei Remis mit Schwarz ein gutes Ergebnis. Es heißt aber auch: ein lasches System zu spielen.

Wie dem auch sei: manche sind zufrieden, wenn sie mit Schwarz ein Remis spielen, die sollen auch Ponziani spielen.

Bei Emms steht drin, welche aktuellen Probleme die weißen Ponziani-Spieler gerade haben, und es ist nicht zu erkennen, wie die ihr Spiel in der Hauptvariante verbessern wollen. Aber man muss bei Davies auch anerkennen, dass er nicht nur die Emms-Varianten übernehmen wollte, und das ist auch ein Wert an sich.

Jetzt die wichtige Nachricht: Davies empfiehlt, die Graf-Variante im Spanier zu spielen! Wie mutig ist das denn? Vielleicht kommt die Empfehlung fünf oder sechs Jahre zu spät, denn Alexander Grafs System, das von der Keres-Variante mit Sf6-d7 abstammt (das hatte Paul Keres speziell für das Kandidatenturnier 1962 in Curaçao ausgearbeitet), ist nicht mehr ganz frisch.

left

Die Zeit also, als man noch schön selber denken konnte, ist in diesem System offenbar vorbei. Selbstverständlich gibt es auch in Grafs System Seitenzweige, die zu untersuchen sich immer lohnen wird, doch aus praktischer Sicht ist das Graf-System eine Festlegung auf eine äußerst konkrete Variante, die ironischerweise von Weiß, sofern er mag, mit einem forcierten Remis beendet werden kann. Inzwischen, wie die Analyse zeigt, sogar an mehreren Stellen.

Vielleicht wäre es besser gewesen, die Neo-Møller-Variante zu wählen, noch konkreter, aber schwerer zu widerlegen, oder den Cordel-Spanier oder das Breyer-System, das seit einigen Jahren unter Patronage sehr starker indischer Großmeister mit vielen neuen Ideen bereichert wurde. Es gibt so viele schöne Hauptsysteme für Schwarz, alle noch mit viel Luft zum Spielen. Aber es musste das hyperkonkrete Graf-Abspiel sein. Überhaupt, ihr Verlage: her mit den Spanisch-Büchern!

Aber gut, nun hat sich Davies für die Graf-Variante entschieden, und so sei es. Ist ja auch nicht schlecht, nur leider forciert Remis. Mich würde es sehr interessieren zu erfahren, wie Robert Rabiega ausgewichen wäre, wenn Matthias Hahlbohm in der zweiten Runde des Lichtenberger Sommers vor einigen Tagen schnurstracks auf die Hauptvariante zugesteuert wäre. Rabiega mag damit gerechnet haben, dass so eine Herangehensweise nicht zu Hahlbohm gepasst hätte. Denkbar ist natürlich auch, dass manche mit den weißen Steinen nicht wissen, wie das Remis in dieser Variante denn gehen soll.

- Beispiel 4

Wer die Graf-Variante spielen möchte, muss alleine forschen. Oder in Gruppen. Jan Gustafsson forscht ebenso wie Robert Rabiega oder David Navara. Aber ob Graf forscht, mag dahingestellt sein, denn neulich hat er exakt die Verluststellung in seiner Spezialvariante angestrebt, die es doch eigentlich zu vermeiden gilt.

Stellung nach 18.Sd2-c4 +-

Gegen Iordachescu in Istanbul 2003 mag dies ja noch mal gut gegangen sein, aber spätestens seit Smirnow-Thipsay, Indien 2004, hätte Graf wissen müssen, dass da etwas nachgeregelt werden muss. Aber der Meister selbst ist offenbar ein unzuverlässiger Apostel seiner Variante und hat es offenbar nicht mitbekommen. Nun muss Graf das Buch von Davies nicht lesen, sondern könnte selbst eins schreiben, aber Shchekachev-Graf, November 2005, Corsica Masters, zeigte, dass der Meister selbst noch an seiner Variante arbeiten muss, denn der Verlust glich nur altem Wein in neuen Schläuchen.

- Beispiel 5 und Beispiel 6

Einzig die Partie bei der Deutschen Meisterschaft in Altenkirchen vom letzten Jahr zeigte, dass Graf selbst noch mal mit neuen Ideen aufwartet. Vielleicht war dies ja keine richtige Partie. Sie endete recht bald mit einem Remis, und das, nachdem Schwarz sich mit …g5 einen richtigen Schnitzer erlaubt hatte. Doch wer weiß? Vielleicht lohnt es sich ja, die Idee zu erforschen.

Erst neulich hat der "Lichtenberger Sommer"-Stammgast IM Jakov Geller in Pardubice beim Czech Open einen Graf-Spezi vor die Flinte bekommen.

left

Zunächst spielt Geller die veraltete Khalifman-Empfehlung, aber im 22. Zug wählt er einen eigenen Weg mit 22. Lg5. Ich habe ohnehin nicht so genau verstanden, was Ponomariows 22.b4 eigentlich sollte (außer, dass Schwarz den Bauern nicht nehmen darf). Die Partie ist interessant, aber nicht von großer Relevanz, denn 17…f5? ist einfach widerlegt - wovon auch Davies' Buch berichtet.

- Beispiel 7

Gellers Gegner Michal Olszewski ist erst 17 Jahre alt, hat aber schon eine Elo von 2410. Vor drei Jahren, als das noch heiß diskutiert wurde, war er noch nicht mündig, da soll man nicht so streng sein. In der ersten Runde traf eben dieser Olszewski auf den Lübecker Dirk Lampe, eigentlich ein solider Spieler, der aber in einer harmlosen Nebenvariante Opfer einer kleinen Standard-Falle in dieser Stellung wurde.

- Beispiel 8

Das aktuellste Abspiel basiert noch immer auf Calistri-Skembris, Frankreich 2004, aktuellen Stoff dazu bieten die Partien Gashimov-Navara, Montpellier 2006 und Brkic-Schandorff von der Schacholympiade in Turin 2006.

- Beispiel 9 und Beispiel 10

In diesem Sommer erschien auf chesspublishing.com ein Aufsatz des französischen GM Olivier Renet, der glaubte, in der Graf-Variante den Stein der Weisen gefunden zu haben.

Stellung nach 23.Sg5xh7!?

Anhand der Partie Anand-Bruzon, Leon 2006, meinte Renet, das aktuelle Hauptabspiel mit 23.Sh7!? ad acta gelegt zu haben (statt anderer Versuche wie 23.b2-b4 oder 23.Ta1-a3). Im Erfolgsfall hätten die Schwarzen ein echtes Problem gehabt und ihre Forschung auf etwa 16...Lc8-d7!? verlagern müssen. Indessen folgte ein paar Wochen später der Rückzieher. Es ist aber nicht weiter überraschend, dass gerade diese Variante die Widerlegungsversuche anzieht wie die das Licht die Motten, und Renets Idee basiert auf ein Manöver des französischen Großmeisters Laurent Fressinet, das damals schon für Aufmerksamkeit sorgte.

- Beispiel 11 und Beispiel 12

Die Graf-Variante kann offenbar Eindruck machen, wie das Beispiel M. Senff (2464) - Matthieu Freeke (2176) zeigt. Wenn nicht gerade ein Kurzremis abgesprochen war, könnte man annehmen, der Weiße mit dreihundert Elopunkten mehr habe keine Ahnung gehabt und lieber mal schnell Remis gemacht. Einen besonderen Plan zumindest hat Senff nicht erkennen lassen.

Beispiel 13

Stellung vor 23...b5-b4!?

Nigel Davies jedenfalls hat mit dieser Variante schon alles mitgemacht, und in der britischen Liga hat er sich sogar den Englischen Meister Jon Rowson damit vorgeknöpft und gewonnen. Bemerkenswert ist, wie anhand einer einzelnen Variante wie dieser beide Parteien dazu inspiriert wurden, immer wieder neue Pläne zu entwerfen. Hier hat Rowson versucht, mit seinen weißen Bauern den schwarzen Springern die Felder zu nehmen und perspektivisch den Schwarzen am Königsflügel zu erdrücken, aber Schwarz wiederum hatte sich entschieden, mit dem h-Bauern einen weiteren Vormarsch der weißen Bauern zu verhindern (die Blockade wäre auch ausschließlich mit Figurenspiel möglich gewesen, erklärt Davies). Zudem möchte Schwarz gegen den König spielen, nachdem es ein wenig luftig um ihn geworden ist.

- Beispiel 14

"Play 1 e4 e5!" sollte Clubspieler aufmuntern, nicht nur asymmetrisch zu spielen, sondern sich auch mal mit klassischen Systemen zu befassen. In den letzten zehn bis zwanzig Jahren war Spanisch bei jungen Spielern ein wenig aus der Mode gekommen, aber dem Schach-Verständnis hilft es enorm, sich mit dieser wundersamen Eröffnung zu befassen - allein diese ganzen verschiedenen Strukturen, diese Zentrums-Spannung, die Angriffsmotive und die Transformationen der Bauernstrukturen! Zudem bedeutet Klassik ja auch, dass das, worum es geht, sowohl damals wie auch heute relevant war und geblieben ist. Gegenwärtig erlebt diese Eröffnung aber wieder eine Konjunktur - bei den Top-Spielern ohnehin, aber auch bei den jungen Stöpseln.

Nigel Davies erklärt im Vorwort, dass er früher nur vereinzelt 1...e5 gezogen hatte. Der Wendepunkt kam erst, als ihm der einstige Landesmeister der Sowjetunion, Lew Psachis, erklärt hatte, dass erst eine eingehende Beschäftigung mit dem Spanier notwendig ist, um sein Spiel zu entwickeln. Psachis fügte noch hinzu, dass man in Russland sagte, eines der Gründe, weshalb Lew Polugajewski gescheitert war, sei gewesen, dass er diese Erziehung nie gehabt hätte. Als Davies dann konsequent auf 1...e5 umgestiegen war, hatten sich seine Ergebnisse besonders gegen starke Spieler verbessert. Mit der Modernen Verteidung hatte er zuvor nur matte Ergebnisse erzielt. Zwei Jahre später folgte der GM-Titel.

In der aktuellen Graf-Variante wird es wichtig sein, ab und an auf neue Ideen zu achten, im August 2006 stimmte aber, was Davies zusammengestellt hat. Insgesamt ist das Buch für normalsterbliche Vereinsspieler ideal. Selbst, wenn man sich für ein anderes System als der Graf-Variante entscheiden sollte, ist das kein Problem, denn das ist das Gute am Spanier für Schwarz: Schwarz bestimmt die Hauptvariante, und die Entscheidung, von der Graf- auf beispielweise die Saitzew-Variante umzusteigen, ist relativ problemlos und nicht so fundamental wie der Wechsel vom Drachen zu Französisch. Man muss nicht alles über den Haufen werden, sondern regelt nur an Zügen herum, die erst recht spät im Variantenbaum auftauchen, und je mehr man sich damit beschäftigt, desto schöner wird das Gesamtbild.

(Zur Verfügung gestellt vom Schachversand Niggemann)

Alle Beispiele downloaden - (PGN)

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Autoreninfo

Fernando Offermann,
geb. 1967 in Buenos Aires, ist Journalist, für gute Bücher zu haben und spielt Schach am liebsten in der Kneipe.

BSV © 05.04.2010

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