| Rezension: Mastering the Najdorf |
von Fernando Offermann
 |  | Mihail Marin: Secrets of Attacking Chess, Gambit, London 2005, 192 S., Broschur. | |  |
www.gambitbooks.com
Gerade abseits der Eröffnungsbücher erscheinen gegenwärtig regelmäßig interessante Titel. Strategie-Bücher wie Marins "Secrets of Attacking Chess" müssen immer wieder mal geschrieben werden, damit das, was bislang galt, weiterentwickelt werden kann. Die meisten Profis wissen das meiste davon natürlich schon, doch wir Normalsterblichen müssen von dem leben, was uns die Bücher sagen oder die Großen vorkommentieren.
Der rumänische Großmeister Mihail Marin hat auch hierzulande schon durch seine Benoni-Partien und seine Beiträge zur Englischen Eröffnung einige Fans, vor allem ist Marin aber auch ein sehr guter Vermittler von Ideen. Ohne seinen Lesern die Strategeme eintrichtern zu wollen, findet Marin so viele Facetten, die man in den Stellungen entdecken kann, dass man ihm unweigerlich aufmerksam folgt.
Sehr eng mit dem Angriff verbunden ist das Wesen der Initiative, und ein großer Schwerpunkt von Marins Beispielen handelt genau davon, weshalb es so wichtig sein kann, sich nicht das Heft aus der Hand nehmen zu lassen. Die Beispiele sind treffend, die Kommentare gerecht, gerade wenn es eigenen Partien betrifft. Dabei geht Marin auch ins Detail und die Partien reichen von unklaren Handgemengen bis hin zu technischen, symmetrischen Stellungen, in denen im Endspiel nur ein Tempo zum vollständigen Ausgleich fehlt (Barcza-Keres, Tallin 1969 mit dem genialen 20…h6!).
Die Kapitel bauen sehr schön aufeinander auf. Zuerst geht es um den logischen Verlauf einer Partie, dann zu elementaren Stufen eines generellen Planes. Nach dem sehr gelungenen Abschnitt über die Stärken und Schwächen Gellers ("Über den logischen Verlauf einer Partie") und über den Entwicklungs-Vorsprung erklärt Marin das Spiel an zwei Flügeln anhand von Aljechins und Beljawskis Partien. Dieses Kapitel bleibt exemplarisch im Gesamtzusammenhang, weil zur Initiative und zum Angriff natürlich weitaus mehr Strategeme gehören.
Interessant wird es auch dann, als Morphys Erfolge unter die Lupe genommen werden. Zuletzt waren dort Garri Kasparow am Werke (etwas kurz im ersten Band von "Meine großen Vorkämpfer") und jetzt Valeri Beim in seiner Morphy-Monographie. Es ist immer von besonderem Interesse, wenn sich Großmeister von heute den Perlen von damals zuwenden. Im Stil mögen die Analysen unterschiedlich sein. Hübner analysiert anders als Yermolinsky und der wiederum anders als Michaltschischin, aber alle wissen, was modernes Schach ist und haben zwangsläufig etwas zu erzählen. Sie sind zudem stärker als die meisten Biografen des klassischen Erbes und haben ihre eigene, oft erfrischende und überraschende Meinung mitzuteilen.
In diesen Zusammenhang ist besonders das Kapitel über die Duelle von Tal und Kortschnoj erhellend. Kortschnoj war für Tal ein Problemgegner, und es mag daran gelegen haben, dass auch Kortschnoj sehr konkret zu spielen vermochte und gern gefährlich nahe an der Provokation spielte, ohne dabei die konkreten Varianten aus den Augen zu verlieren. Sein Score gegen Tal war erschreckend gut, und erst im Alter lernte Tal, sich besser zu zügeln und beim Angriff nicht das ganze Brett aus den Augen zu verlieren, wenn er wieder einmal gegen Kortschnoj antrat.
Natürlich behält Hübner Recht, wenn er behauptet, dass kein Kommentator zu sagen vermag, was andere Spieler während der Partie dachten, doch Marins Kommentare können zumindest vermitteln, was die einzelnen Züge bezwecken sollten, wie bestimmte Fehler zu erklären sind und was von den Kommentaren zu halten ist, die Kortschnoj selbst später zu den Partien verfasst hat. Äußerst lesenswert!
Das Buch endet mit einem Einblick in die Art und Weise, wie sehr sich die Spieler an den Computer gewöhnt haben. Dabei erzählt Marin, wie er bei der Olympiade 2004 seinem Teamkollegen Nisipeanu vorschlug, wegen der gemeinsam erlebten Formschwäche nach dem Frühstück etwas aus Trainingszwecken zu analysieren. Sie schnappten sich Kasparows "Meine großen Vorkämpfer" und suchten nach einem interessanten Diagramm. Sie landeten bei Petrosjan-Gligoric, Rovinj/Zagreb 1970 und folgten den Ausführungen Kasparows.
Nach Kasparows Erläuterungen zu Gligorics Verbesserungsvorschlag 16.Sxf3 sahen sich die beiden Großmeister einander ungläubig an. Mit einem Blick erkannten sie, was Computer nicht so gut begreifen. "Hätte Kasparow für einen Moment den Blick vom Bildschirm ab- und dem Brett zugewandt, hätte er sicher die gleiche Variante entdeckt", die auch seine beiden GM-Leser sehr schnell sahen.
Erfreulicherweise geht es Marin aber nicht darum, Garri eins auszuwischen. In der Hauptsache erklärt das Beispiel, wozu eine allzu enge an den Rechner orientierte Analyse auch führen kann, nämlich zu blinden Flecken. Wer heutzutage noch Fernschach spielt, wird seine eigenen Erfahrungen damit gemacht haben. Es geht nicht nur darum, dass die eigene Kreativität verkümmert, sondern auch um Fehler in der Stellungsbeurteilung, wie jüngst die Marshall-Partie vom WM-Kampf von Kramnik gegen Leko zeigte, die als Beispiel im gleichen Kapitel folgt.
Sehr stimmig endet das Buch mit einem Erlebnis, das Marin nach einer Partie mit Alexander Graf bei der spanischen Mannschafts-Meisterschaft hatte. Nach der Partie lud Graf den Gewinner ein, gemeinsam noch etwas zu analysieren. Die Sitzung dauerte dank der imponierenden Energieleistung Grafs noch weitere vier Stunden. Die im Buch dokumentierte Analyse hatte es in sich, und als Marin anschließend nach Hause kam, machte er sich sofort daran, alles zu notieren und nachzuprüfen, damit nichts verloren gehe. Er war erstaunt zu entdecken, wie wenig Fehler beide in der Analyse gemacht hatten, auch wenn sie keinen Computer zu Rate zogen, und Marin bietet seinen Lesern an, das erstaunliche Ergebnis mitzuverfolgen.
"Secrets of Attacking Chess" mag kein methodisches, systematisch strukturiertes Lehrbuch sein, auch wenn der Aufbau des Buches in sich stimmig bleibt. Ohnehin glaube ich nicht daran, dass ein Lehrbuch methodisch und systematisch gegliedert sein muss. Doch die Einblicke in die Sicht eines Großmeisters, die Marin großzügig und leserfreulich anbietet, erweitern in jedem Fall die Perspektive der Leser. Das könnte sowohl für 1900er gelten wie auch für Bundesliga-Spieler. Wenn schon Marins Vorgängertitel "Learn from the Legends" beste Kritiken bekam ( www.qualitychessbooks.com) - dieses Buch hier könnte sogar noch besser sein.
(Zur Verfügung gestellt vom Schachversand Niggemann)
Autoreninfo Fernando Offermann, geb. 1967 in Buenos Aires, ist Journalist, für gute Bücher zu haben und spielt Schach am liebsten in der Kneipe.
BSV © 07.08.2007
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