| Rezension: Hübner über Fischer |
von Fernando Offermann
 |  | Robert Hübner: Materialien zu Fischers Partien. Schachzentrale Rattmann, 234 S., Ludwigshafen 2004 | |  |
Das Schlichte in der Gestaltung hat eine gute Tradition. Spätestens seit Dieter Rams den Industrieprodukten des Geräteherstellers Braun ein Design gab, das der Einfachheit den Vorzug gab, erlebte man auch in Deutschland bahnbrechende Entwicklungen in Sachen Industriedesign.
Dieter Rams war der Chefgestalter des Wirtschaftswunders und der letzte Mohikaner der neuen Bewegung, die im Bauhaus ihren ersten Höhepunkt fand. Rams ist Architekt und Professor für Industriedesign an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und seit 1955 bei der Braun AG als Architekt, Innenarchitekt und Produktdesigner tätig. Bereits 1959 ehrte das Museum of Modern Art den damals 27-Jährigen mit einer Einzelausstellung.
Gutes Design bedeutet so wenig Design wie möglich.
Einfach ist besser als kompliziert.
Ruhe ist besser als Verwirrung.
Unauffällig ist besser als aufregend.
Klein ist besser als groß.
Schlicht ist besser als bunt.
Harmonie ist besser als Divergenz.
Ausgeglichenheit ist besser als Begeisterung.
Kontinuität ist besser als Veränderung.
Spärlich ist besser als üppig.
Neutral ist besser als aggressiv.
Das Offensichtliche ist besser als das, was gesucht werden muss.
Wenige Elemente sind besser als viele.
Ein System ist besser als einzelne Elemente.
Dieter Rams, 1987
(Zitiert nach: "Stephen Bayley: Taste - The secret meaning of things. Faber & Faber, London 1991)
Auch im Verlagswesen hat sich diese Erkenntnis bemerkbar gemacht, und so kommt es, dass besonders gelungene Buchreihen sich gern auf eine einfache Gestaltung berufen. Der Merve-Verlag steht für zeitgenössische Texte aus dem Umfeld der philosophischen Theorie, die Reihe Bibliothek Suhrkamp hat eines der angesehensten Publikationslisten überhaupt, und wer als Geisteswissenschaftler schon mal im Metzler-Verlag veröffentlicht hat, kann darauf schon stolz sein.
Ein Autor wie Robert Hübner hat schon einige Bücher in seinem Leben gesehen, und es nimmt nicht Wunder, dass er im Laufe der Zeit seine eigene Vorstellung über die Erscheinungsform eines guten Buches entwickelt hat. Wer Platon gar nicht anders lesen könnte als im Original, zur Erbauung gern mal in Kants "Zum ewigen Frieden" blättert oder Lucky Luke auf Finnisch liest, hat ein mehr als durchschnittliches Verhältnis zu Büchern.
"Materialien zu Fischers Partien" ist ein sehr gutes Buch. Vom Gehalt abgesehen ist dies auch
formal eine Veröffentlichung, die sich markant gegen Publikationen mit schneller Halbwertszeit stellt. Es bereitet Freude als Buch, als Gegenstand, den man betrachten kann, um den man weiß, wenn er einen umgibt und den in die Hand zu nehmen schon fast ein anachronistisches Vergnügen bereitet. Besonders in einer Zeit, in der Schachpublikationen immer häufiger in digitaler Form oder als schnelles Paperback erscheinen.
"25 Annotated Games" ist eine weitere Veröffentlichung Hübners. Ein Meilenstein der Schachpublizistik, der leider weitestgehend unbeachtet blieb. In englischer Sprache nahm sich der Großmeister aus Solingen darin Partien vor und sezierte sie in einem Maß, das zuweilen auf Befremden stieß. Für Schachpublizist Johannes Fischer etwa glich das Werk einer "Zumutung", andere mochten es interessant finden, den äußerst detaillierten Kommentaren so weit zu folgen. Hübner selbst hatte sich diese mikroskopische Opulenz geleistet, weil er einfach nur aufschrieb, was ihn selbst an diesen Begegnungen mit der Weltspitze im Nachhinein und während der Partie interessierte. Das Maß an Forschung ging gerade so weit, wie er selbst den Eindruck hatte, in die Partie hineingehen zu müssen, um seine eigenen Fragen zu beantworten.
Doch auch wenn "25 Annotated Games" ein wichtiges Buch ist: praktisch ist es ganz sicher nicht. Hier ließe sich ins Feld führen, dass eine digitalisierte Publikationsform handlicher gewesen wäre. Der dichte Datendschungel wird auf einer Bildschirmoberfläche mit Tastatur und Maus bequemer durchforstet. Die Arbeit, die Hübners Lesern daraus erwächst, den Details im Kommentar mit Brett und Figuren nachzugehen, korrespondiert hingegen mit Hübners Aufwand als Autor, der diese und weitere Mühen als Autor auch selbst auf sich genommen hatte. So könnte die publizistische Haltung dazu gedeutet werden als Fragestellung: Warum also nicht den Lesern etwas Puritanismus aufbürden? Weshalb sollte der Aspekt der Arbeit verschleiert werden?
Weil Leser Kunden sind. Ein Autor mit Rang und Namen hat im Universitätsbetrieb mit Zwangslesern zu tun, auf dem freien Markt jedoch ist er auf die Gunst seiner Leser angewiesen. Erreicht er sie nicht, hat er sie verloren.
In dieser Hinsicht ist "Materialien zu Fischers Partien" ein echter Gewinn. Die Anmerkungen zu Details im Schaffen Fischers beziehen sich auf Partiekommentare des Amerikaners selbst. Größtenteils findet sich darin das Material wieder, das Hübner schon einmal als Chessbase-CD herausgegeben hatte. Etwas zu brüsk ging damals die Rezension des Autors dieser Zeilen mit dieser Veröffentlichung in einer Kritik um, die im Berliner Mitteilungsblatt erschien. Als Fehlersuche in Kommentaren Fischers aufgefasst, war dies Produkt mir zu wenig Material für den Preis. In Buchform jedoch hat das Werk eine gänzlich andere Relevanz. Beide Titel hatten vielleicht zunächst die falsche Produktidee: Als Buch war "25 Annotaded Games" vielleicht nicht so gut wie als CD, "Materialien zu den Partien Fischers" überzeugte als CD nicht so sehr wie jetzt als Buch.
Inhaltlich wurde das Buch aufgefrischt, doch im gedruckten Format hat gerade der ausschnitthafte Blick aufs Detail gewonnen. Die reduzierte Menge des Materials, der Blick auf einen dramaturgisch interessanten Moment wird, anders als auf dem Bildschirm, nicht mehr als Mangel empfunden, sondern als Gewinn. Das blaue Buch als Gegenstand hat Gewicht, die Seiten sind klar und hübsch gestaltet. Die Zeit, die mit dem Studium einer Seite verbracht wird, lässt erahnen, wie lange man noch etwas von diesem Buch haben wird. Dabei ist es den Lesern überlassen, ob sie schnell mal über das Material hinwegblättern und später zu Einzelheiten zurückkehren wollen oder ob sie sich in eine Stellung versenken mögen. Möglich ist beides: eine Anmerkung als Gutenacht-Geschichte oder als Nachmittagsbeschäftigung.
Viel mehr braucht man dazu nicht sagen, nur so viel: als Auftakt einer Reihe hätte die Schachzentrale Rattmann kein besseres Werk finden können. Die Arbeit des
Traditionsverlegers aus Hamburg wurde übernommen von der Schachzentrale in Süddeutschland, und diese Publikation zeigt, dass man nicht nur die Tradition, sondern auch die Verantwortung beerben möchte. Ganz sicher wird diese Verlags-Reihe nicht so lukrativ sein wie die beliebten Bände über "Gewinnen mit der Sowieso-Eröffnung", aber der Gewinn für die Schach-Publizistik ist enorm. Vielleicht könnte die Schachzentrale ja historische Bücher neu verlegen? Wichtige Turnierbücher etwa oder eine deutsche Ausgabe von Kasparows Buch "Zwei Matches" oder dergleichen? Der Beginn ist vielversprechend. Mögen weitere Bücher in dieser Reihe folgen, gute und sehr gute, keinesfalls aber mittelmäßige.
 |  | Kommentar von Johannes Fischer | |  |
| Johannes Fischer schrieb am 22.11.2005: |  |
Da ich (Johannes Fischer) in der obigen Rezension zitiert werde, hier ein kurzer Kommentar: Die zitierte Bemerkung, ich empfände Robert Hübners 25 Annotated Games als "Zumutung" ist zumindest missverständlich. Schriftlich habe ich mich zu diesem Buch nie geäußert, möglich, dass ich in einem Gespräch mit Fernando eine solche Bemerkung gemacht habe. Dann allerdings nicht, um das Buch herabzusetzen oder zu kritisieren, sondern um überspitzt formuliert zum Ausdruck zu bringen, dass Hübner es seinen Lesern, wie Fernando weiter unten ausführt, tatsächlich nicht einfach macht. Seine Analysen sind durch keine netten Anekdötchen, keine Zusammenfassungen über das, was in der Partie vor sich geht, keine wie auch immer gearteten Überlegungen über nicht-schachliche Aspekte der Partie zugänglicher gemacht. Hübner exerziert die Analyse ohne schmückendes Beiwerk, ohne Bonbon, und genau das eben ist die "Zumutung" – wertfrei gesagt.
Tatsächlich hat solch ein Vorgehen seinen Reiz und ich habe etliche Partien dieses Buch mit Vergnügen nachgespielt, immer wieder verblüfft über die Tiefe und die Präzision der Analysen, umso mehr, da Hübner dabei keinen Computer zu Rate gezogen hat.
Befremdet hat mich dieses Vorgehen ebenfalls nicht, da ich Hübners Art zu analysieren seit langem kannte und er diesbezüglich in "25 Annotated Games" keineswegs enttäuscht. Tatsächlich hatte ich mich schon lange auf dieses Buch gefreut, und nach seinem Erscheinen habe ich es ohne auf den Preis zu achten unverzüglich bestellt – was ich heute sofort wieder tun würde und jedem zu tun nur empfehlen kann, wenn die angekündigte 2. Auflage der "25 Annotated Games" demnächst erscheint. Tatsächlich hätte ich damals ohne weiteres auch 50 Mark mehr für dieses Buch bezahlt. Denn obwohl nicht unmittelbar zugänglich und ohne ein gewisses Maß an Arbeit nicht zu genießen, halte ich es für ein herausragendes Schachbuch, das auf seine Art einzigartig ist – eben weil es eine bestimmte Form, sich Schachpartien analytisch zu nähern, mustergültig demonstriert.
Was ich allerdings bedauere ist, dass Hübner seine anderen herausragenden Qualitäten als Autor – umfassende Kenntnisse, Präzision im Denken und im Argumentieren, stilistische Sicherheit garniert mit Humor – in diesem Buch nicht zum Tragen gebracht hat. Er hat das an anderer Stelle getan und tut es noch, z.B. in der brillanten Rezension von Kasparows "Predecessors", die in der Zeitschrift "Schach" abgedruckt wurde. Für eine Bewertung der Qualität von "25 Annotated Games" spielt das aber keine Rolle, denn schließlich und endlich sollte man die Bücher kritisieren, die geschrieben wurden, und nicht die, die man gerne hätte.
Also, um es noch einmal zu sagen: Ich halte Hübner für einen hervorragenden Autoren, ich lese seine Artikel stets mit großem Vergnügen und Gewinn, ich schätze alle seine Bücher ("55 feiste Fehler", "25 Annotated Games", "Materialien zu Fischers Partien") und seine auf CDs veröffentlichten Arbeiten. Und mir gefallen die ausführlichen Analysen in "25 Annotated Games", weil sie zeigen, was analytisch möglich ist. In ihrer puristischen Form sind sie eine "Zumutung", aber eine, die weiterhilft, und der ich mich in periodischen Abständen gerne unterziehe.
Johannes Fischer
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Autoreninfo Fernando Offermann, geb. 1967 in Buenos Aires, ist Journalist, für gute Bücher zu haben und spielt Schach am liebsten in der Kneipe.
BSV © 28.07.2006
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