| Rezension: Band 3 der Anand-Reihe |
von Fernando Offermann
 |  | Opening for White according to Anand, bislang drei Bände mit zus. 1024 S., Chess Stars, St. Petersburg 2004 | |  |
www.chess-stars.com
"Eröffnung für Weiß gemäß Anand" für 1.e4 wird viele Teile haben, das ist schon mal klar. Drei sind bereits erschienen, über 1…e5 ohne …Sc6 und …a6, über Spanisch mit …a6, und dann über Caro-Kann und Skandinavisch. So weit abzuschätzen ist, werden es voraussichtlich fünf bis sechs Bände werden, wahrscheinlich sogar mehr. Spieler ab Elo 2200 sollten schon mal ein achtsames Auge auf diese Ausgaben haben, denn diese Bücher sind gut.
Großmeister Alexander Khalifman ist ein gewissenhafter Publizist, das weiß man schon länger, doch mit diesem Standardwerk füllt er eine Lücke im Buchmarkt für 1.e4-Spieler aus. Die Titel, die bislang andernorts verfügbar sind, richten sich vor allem an Clubspieler bis 2300 oder an Spezialisten. Für höhere Ansprüche aber wird die Luft im Angebot dünn.
Die bislang dreibändige Reihe ist sehr interessant, gerade weil sie nicht enzyklopädisch alle möglichen Varianten abhandelt, sondern weil sie dem Weißen einen Pfad durchs Dickicht schlägt. Zudem schreibt Khalifman anschaulich und die Bücher bieten außer Varianten auch vermittelnde und anschauliche Erklärungen und Einschätzungen.
Selbstredend hat Khalifman keine 1.e4-Bibel verfasst, dieses Klischee hat sich im Computerzeitalter erledigt, aber es ist eben von großer Bedeutung, was ein 2650er zu vielen Eröffnungen sagt. Kommt ein Clubspieler schon mit Glenn Flears "Ruy Lopez, Main Lines" gut zurecht, so ist "Anand 2" in diesem Fall aber weitaus ausführlicher, weil sie sich spezieller auf ein einziges Abspiel konzentrieren kann.
Zu den Varianten selbst. Als 2000er und Spanisch-Seiteneinsteiger habe ich als Beispiel die Graf-Variante (C96) aufgeschlagen. Khalifman selbst hatte mal damit gegen Graf verloren, aber auch Anand hatte damals gegen Ponomariow nichts Besonderes aufzubieten. Erwartungen wurden wach, als der Autor erklärte, die Graf-Variante mehr oder weniger widerlegt zu haben - es sei eine der wichtigsten Beiträge des Buches, heißt es weiter. Ich glaube auch, dass die Variante, so wie Graf sie spielt, nicht funktioniert, aber Khalifmans Vorschlag ist für mein Gefühl nicht durchschlagend genug. O-Ton: "The find of GM A. Bezgodov is able to clarify the final diagnosis of that mysterious variation. This idea might well be the most important innovation discovered in the process of preparation of the present book. The immediate attack on the black queen turns White from defender to into attacker." Abschließend es: "We are able to conclude that the present book puts to question the foundation of the Graf Variation. We are looking forward to a practical test of our idea."
Ich glaube auch, dass 17…f5 leicht widerlegt werden kann, allerdings sollte 17…Lh4 noch besser untersucht werden. Wenn Schwarz das Abspiel von Calistri-Skembris (Bastia 2004), spielen kann, sollte alles noch gehen. Was 17…f5 betrifft, so sollte Weiß meiner Ansicht nach der Stammpartie Kornejew-Graf, Jakarta 1997 folgen, dann aber nach 23.Le4! +- auf den vollen Punkt zusteuern.
Das ausführliche Beispiel der Graf-Variante soll nur illustrieren, wie tief manche in der Forschung stecken. Irrtümer sind immer möglich, doch vor allem sind die vielen Vorschläge signifikant, die überall im Buch angeboten werden. Das Pathos, mit dem die Neuerung angeboten wurde, ist nicht nur verzeihlich - Emotionen sind immer gut in diesem Bereich, der viel zu lange viel zu akademisch war. Die Bedeutung dieses Buches wird durch diese Vorstöße auf keinen Fall gemindert.
In der Variante 3…exd4 im Philidor, mit der zuletzt Spitzenspieler wie Nisipeanu experimentiert haben (ein schöner Reinfall gegen Anand war auch dabei), verbessert das Khalifman-Team die Partie Brodsky-Nisipeanu, Bukarest 2001, sehr überzeugend mit 15.Dd2! Ohnehin haftet dem ganzen System etwas sehr Anrüchiges, aber Lustiges an. Zuletzt musste Kornejew (2602) gegen Milla de Marco (2092) beim Malaga Open 2005 mit Weiß ins Gras beißen. Auch Großmeister brauchen offenbar Lebenshilfe.
Einzig die Abhandlung über die Saitzew-Variante im Spanier fällt in der Qualität etwas ab. Es fällt auf, dass in diesem Fall keine Hauptvariante angeboten wird, sondern ein Nebenabspiel. Zudem hängt das endgültige Urteil in diesem Seitenzweig von einer Partie ab, die zwischen einem Großmeister mit Weiß und einem Amateur mit Schwarz ausgetragen worden war. Dennoch haben Großmeister wie Iwantschuk, Beljawski und Bacrot gezeigt, dass die schwarze Stellung durchaus akzeptabel ist. Gemessen an der Bedeutung der Saitzew-Variante ist diese Abhandlung nicht so überzeugend wie der übrige hohe Standard.
In der Archangelsker Variante empfiehlt Khalifman die Variante mit 7. c3 mit der Einschätzung, dass Weiß in der Partie Riermersma-Okkes, Niederlande 1995, nach 16. Sd2 die Initiative hat. In ihrer Monographie über C78 bewerten Beljawski und Michaltschischin die beiderseitigen Chancen als ausgeglichen.
Wenn Khalifmans Team zu dem Schluss kommt, dass Weiß in der Archangelsker Variante 7.c3 spielen soll, dann hat das schon ein anderes Gewicht, als wenn Mittelmeister Jedermann sagt, 7.Te1 sei besser. Sicher wären für die Spanisch-Artikel Namensgeber wie Iwantschuk oder Leko angemessener gewesen, aber Khalifman brauchte ja für alle 1.e4-Bände einen Paten und hat sich vor allem für Anand entschieden, weil seine "Stellungsbehandlung Spielern aller Klassen angeboten werden kann. Imitiert man hyper-aggressive Gratwanderer wie zum Beispiel Kasparow und Schirow, würde man ohne deren Talent und Gelehrsamkeit ganz bestimmt auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen… Ich betrachte Anands aktiven positionellen Capablanca-artigen Stil als bestes Modell für das Studium, ohne übermäßige Unfälle zu riskieren."
Im Vergleich zu der fünfbändigen Reihe "Openings for White according to Kramnik - 1.Sf3" hält sich der Petersburger Autor auch nicht möglichst genau an das, was von Anand selbst gespielt wurde, sondern baut ein Repertoire um die für Anand charakteristische Spielanlage herum auf.
Zuletzt ist in der bislang dreibändigen Reihe die Folge mit Caro-Kann und Skandinavisch erschienen. Erstaunlich ist, wie viele Vorschläge auch hier dem Weißspieler angeboten werden. In der Hauptvariante mit 4…Sd7 ist Schwarz ein wenig in der Klemme, aber da tut sich immer wieder etwas Neues, und das Buch ist ganz auf der Höhe. Es läuft alles auf das Abspiel 1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.Sg5 Sgf6 6.Ld3 e6 7.S1f3 Ld6 8.De2 h6 9.Se4 Sxe4 10.De4 Dc7 11.0-0 b6 12. Dg4 Kf8 hinaus. Es geht weiter mit 13.b3! Lb7 14.Lb2 Sf6 15.Dh4 Sd5!? 16.Te1 Sf4 17.Tad1 Kg8 18.Dg4 f5 20.Dg3 c5 - und Schwarz mangelt es laut Khalifman an Gegenspiel.
Der letzte Schrei in dieser Variante ist aber 13…c5 14.Lb2 Sf6 15.Dh4 Lb7 16.dxc5 Dxc5. Bologans Idee aus der Partie gegen Leko (Dortmund 2004) ist noch sehr frisch. Schwarz möchte, dass Weiß zwei Mal auf f6 nimmt. Nach Dxf6 folgt dann der Konter …Dh5! (Der Turm hängt mit Schach!). Khalifmans Rat zufolge sollte man nicht die Zeit mit dem Studium dieser komplizierten Abspiele vergeuden. Er schlägt stattdessen das überzeugende 17.Sd4!? vor. Auf einer ganzen Seite wird die neue Idee mit überzeugenden Abspielen untermauert. Eine erstaunliche Arbeit.
Fazit: Eine Buchreihe voller Schätze. Der Großmeister aus St. Petersburg ist zum neuen Tarrasch geworden und setzt auch die Tradition Euwes fort. Jetzt heißt es Warten auf die Folgen über Pirc, Französisch und Sizilianisch. Hoffentlich braucht Khalifman nicht allein für Najdorf und den Drachen zwei Bände!
Nachbemerkung: Ein Kommentar von Nigel Short zur Grafvariante im New in Chess 2004/02, Partie Smirnow-Thipsay, Mumbai 2004, nach 15…b4?: "This looks like suicide. I was amazed to discover that it already had been played several times, not least by Herr Graf who generally has pretty good instincts." (Das sieht wie Selbstmord aus. Ich habe mit Erstaunen bemerkt, dass es bereits einige Male gespielt worden ist, nicht zuletzt von Herrn Graf selbst, der im Allgemeinen recht gute Instinkte hat.)
Anmerkung: Das Buch wurde zur Verfügung gestellt vom Schachversand Niggemann.
Autoreninfo Fernando Offermann, geb. 1967 in Buenos Aires, ist Journalist, für gute Bücher zu haben und spielt Schach am liebsten in der Kneipe.
BSV © 28.07.2006
Kommentare
Es sind noch keine Kommentare vorhanden.
|